jan-behrendt.de
Mailbox

Das Deutschlandbild als Forschungsgegenstand: Perzeption, Imagination und Veräußerlichung

Abstract
des Beitrags von Jan Behrendt zum Jungen Forum der Bildwissenschaft an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vom 30. und 31. Mai 2006

[Aufsatz erschienen in: Ingeborg Reichle / Steffen Siegel / Achim Spelten (Hrsg.), Verwandte Bilder. Die Fragen der Bildwissenschaft, Berlin (Kadmos) 2007, S. 131-146. (2. durchges. Aufl. 2008, ISBN: 978-3-86599-034-1)]


Der Begriff des Deutschlandbildes hat in der Forschung unterschiedliche Bedeutungen. In diesem Beitrag werden Ansätze des Umgangs mit Deutschlandbildern dargestellt und der Begriff konkretisiert. Das mentale Nationenbild wird vom noch abstrakteren, wenngleich länger haltbaren Stereotyp abgegrenzt, als perzeptive Wahrnehmung und apperzeptive Vorstellung charakterisiert und in Bezug zum Image-Output gestellt, welches als Veräußerlichung des mentalen Bildes ein autonomes Bild konstituiert. Die Erforschung historischer Deutschlandbilder erfordert einen allgemeinen Diskurs zu fachübergreifenden Methoden. Thematologie, Ikonographie und Ikonologie können bei entsprechenden Erweiterungen der Objektbereiche zur Untersuchung mentaler Bilder angewendet werden.



Zwischen proletarischem Internationalismus und Sicherheitsdenken:
Afrikabilder in Lehrplänen und Schulbüchern der DDR


Resümee
der Magisterarbeit von Jan Behrendt

[erschienen in: Hamburger Beiträge zur Erziehungs- und Sozialwissenschaft, Heft 8, Hamburg 2004, (137 S.) ISSN 1616-9034]


Berichte, Beschreibungen und Fotografien von Afrika waren in der DDR Darstellungen einer unzugänglichen Außenwelt. Diese Unzugänglichkeit betraf hierbei nicht nur die Rezipienten der Darstellungen, welche weder die Möglichkeit hatten, jenseits des von den staatlichen Reisebüros vorgegebenen Horizontes zu verreisen, noch überhaupt in ihrem Alltag Berührungspunkte mit Afrika oder Kontakte zu Afrikanern hatten. Auch diejenigen Wissenschaftler, die sich mit Afrika befassten, erhielten nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit, den Kontinent zu bereisen. Kaum einer der Schulbuchautoren, die den Auftrag hatten, Beiträge über den afrikanischen Kontinent zu verfassen, war jemals in Afrika. Dennoch tauchten Bilder von Afrika immer wieder in den Medien und im Schulalltag der DDR auf. Politisch kontrolliert waren diese Darstellungen in ihrer Perspektive auf bestimmte Länder und Inhalte begrenzt und in das propagandistische Informationswesen des sozialistischen Staates integriert.

Mit der Arbeit »Zwischen proletarischem Internationalismus und Sicherheitsdenken: Afrikabilder in den Lehrplänen und Schulbüchern der DDR« wird auf den Widerspruch der Abgeschlossenheit der Gesellschaft und dem propagandistisch vertretenen Internationalismus eingegangen. Durch eine Untersuchung von Genese, Fixierung und Wandel des Unterrichtthemas »Afrika« wird nachvollzogen, mit welcher Intensität politische Kontrolle in das Bildungswesen des sozialistischen Staates eindrang und selbst ideologische Unstimmigkeiten zu vermitteln suchte. In der bisherigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Bildungswesen der DDR wurden in diesem Zusammenhang vor allem konzeptionelle Grundlagen und theoretische Leitgedanken erarbeitet. So haben vor allem Petra Gruner und Gerhard Kluchert Erziehungsabsichten und Sozialisationseffekte untersucht, John Erpenbeck und Johannes Weinberg Menschenbilder und aus ihnen gewonnene bildungstheoretische Konsequenzen, sowie Gert Geißler und Ulrich Wiegmann die parteilichen, geheimdienstlichen und vormilitärischen Erziehungsverhältnisse. Eine Untersuchung der Anwendung der bildungspolitischen Vorgaben anhand spezifischer Unterrichtsthemen hingegen lag, abgesehen von dem Sonderfall der vormilitärischen Ausbildung, jenseits der meist übergreifend konzipierten Arbeiten.

Der Versuch, die Beweggründe für Veränderungen in der Afrikadarstellung wissenschaftlich zu erfassen, birgt ebenso wie die Identifizierung der über das Lehrmaterial zu vermittelnden Einstellungen und Sichtweisen methodische Herausforderungen: Einerseits ist eine ideologiekritische Lesart der Quellen zum Verständnis von DDR-spezifischer Semantik ebenso notwendig wie eine historisch kontextualisierende Vorgehensweise, durch welche Veränderungen in der Afrikadarstellung nachvollziehbar und interpretierbar werden. Andererseits ist insbesondere bei der Analyse der Inhalte der Darstellungen zu berücksichtigen, dass im Sinne von René Welleks Kritik an der Komparatistik Voreingenommenheit in der Betrachtung am Besten durch Werkimmanenz vermieden werden kann.

Ein Verständnis der in den Quellen fixierten Darstellungen als »Bilder« von Afrika führt zur Einbeziehung methodischer Überlegungen aus der literaturwissenschaftlichen Bilderforschung (Imagologie) und der Kunstgeschichte. Angelehnt an den kunstgeschichtlichen Dreisatz der Bildanalyse von Beschreibung, Symboldeutung und Interpretation wird die Untersuchung der Afrikabilder nach einer Zusammenfassung der verschiedenen Lehrpläne und Schulbuchauflagen zunächst in einer werkimmanenten und anschließend in einer kontextualisierenden Interpretation vorgenommen.

Bei der werkimmanenten Interpretation wird eine ungleiche Akzentuierung der unterschiedlichen Motive in den verschiedenen Schulbuch- und Lehrplanauflagen festgestellt: Während in der sowjetischen Besatzungszone noch ‚Fernlage’, Abgeschiedenheit und Fremdheit dominierten, wurden in den 1950er Jahren über die Thematisierung von ‚Ausbeutung’, ‚Befreiung’ und ‚Fortschritt’ Freund- und Feindbildkonstruktionen erzeugt, die sich mit den einzelnen Neuauflagen im ersten Jahrzehnt der DDR intensivierten. Armut wurde bis 1982 stets als ‚kapitalistisches’ und ‚neokoloniales’ Problem im Kontrast zu ‚sozialistischen Errungenschaften’ beschrieben und abgebildet, ab 1983 allgemeiner als historisch bedingtes Entwicklungsproblem, mit welchem auch sozialistisch orientierte Staaten zu kämpfen haben. Hierbei wurden Entwicklungsprobleme aber nur im Kontext bereits ergriffener Maßnahmen zu ihrer Beseitigung beschrieben (im Falle des ‚kapitalistischen’ Nigerias zur Verdeutlichung des Fehlens eben dieser Maßnahmen). Hilfsbedürftigkeit und Manipulierbarkeit wurden nach ersten Ansätzen 1969, ausführlich ab 1983, thematisiert und relativierten somit das Bild des ‚starken Afrikaners’, der gleichberechtigt am Klassenkampf teilnimmt. Der Eindruck von Hilfsbedürftigkeit konnte insbesondere dadurch entstehen, dass in den Unterrichtsmaterialien klare Beispiele für in Afrika benötigte Hilfsgüter und Industriematerialien gegeben wurden (z.B. Saatgut und Traktoren), welche Afrikaner nicht selbst herstellen konnten. In dieser Situation schien es für Afrikaner nur die Möglichkeiten einer fortgesetzten Ausbeutung durch westliche Mächte oder des Anschlusses an die sozialistische Staatengemeinschaft zu geben.

In der historisch kontextualisierenden Interpretation wird deutlich, wie sich diese Schwerpunktverlagerungen bei der Afrikadarstellung in innen- und außenpolitische Entwicklungen der DDR fügen. Während in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg ein Unterricht zur Völkerverständigung gefordert wurde, gewannen im Zuge der sozialistischen Transformation in den frühen 1950er Jahren klassenkämpferische Motive Einfluss auf die Lehrplangestaltung. Humanistische Bildungsideale wurden durch die klaren Freund- und Feindbildkonstruktionen verdrängt. Zeitgleich mit einer allgemeinen Abgrenzung nach außen wurde in den frühen 1960er Jahren auch die Afrikadarstellung im Rahmen der ideologischen Vorgaben versachlicht und von romantisierenden Inhalten gelöst. Als das Ministerium für Staatssicherheit nach dem Volksaufstand in der Tschechoslowakei Unverständnis in der Bevölkerung der DDR in Bezug auf das staatlich propagierte Verständnis der ‚sozialistischen Bruderhilfe’ wahrnahm und entsprechend das Bildungsministerium zu konkreten Maßnahmen aufforderte, wurde der Solidaritätsbegriff zur Kennzeichnung der eigenen Beziehungen zu Afrika bzw. zur ‚werktätigen Bevölkerung überall auf der Welt’ eingeführt. Als eine Erweiterung des propagandistischen Solidaritätskonzeptes wurde für die Lehrplangestaltung festgelegt, dass die Kinder bereits in der Unterstufe lernen sollten, wie sie einen solidarischen Beitrag für die ‚armen Kinder Afrikas’ leisten können, während in höheren Altersstufen auch die ‚sozialistische Bruderhilfe’, also vor allem das militärische Eingreifen bei Volksaufständen in Nachbarländern, als Bestandteil der ‚internationalen Solidarität’ dargestellt werden sollte. Gemessen an dem Aufwand von in Schulbüchern bereitgestellten Textseiten und in den Lehrplänen vorgesehenen Unterrichtsstunden erfuhr das Thema ‚Afrika’ in den 1950er Jahren einen relativen Bedeutungsgewinn; Afrika wurde zu einem der meistbehandelten Kontinente des Erdkundeunterrichts. Erst im Verlauf der 1980er Jahre verlor der afrikanische Kontinent wieder an Bedeutung für das Unterrichtsgeschehen; ebenso wie für die Außen- und Wirtschaftspolitik der DDR, in der sich zunehmend die Erkenntnis durchsetzte, dass der sozialistische Entwicklungsweg in Afrika gescheitert war.

Die Darstellung Afrikas war stets durch ein hohes Maß an Dichotomie geprägt, welches kaum Grautöne oder Weichzeichnungen zuließ. Afrikanische Staaten existierten nur so lange in der Unterrichtswirklichkeit des sozialistischen Staates, wie sie sich klar dem Systemgegner oder den eigenen Verbündeten zuordnen ließen bzw. wie sie im Rahmen der Unterrichtsvorgaben als Beispiele geeignet schienen. Die Bewertung von Handelsbeziehungen, der Umgang mit Armut und Entwicklungserfolgen oder die Beschreibung von ‚Fortschritt’ und ‚Rückständigkeit’ unterlagen stets einem klaren Muster, welches verdeutlichte, dass ‚Antikapitalismus’ und antiwestliche Inhalte keine Diskussionsgegenstände, sondern vorgegebene Allgemeinplätze der Darstellungsweise waren. Schüler sollten ‚Dankbarkeit’ dafür entwickeln, dass sie ein "besseres Leben als viele Kinder in kapitalistischen Ländern führen" durften, junge Erwachsene sollten "Haß auf den Klassenfeind" entwickeln, der ‚heroische Kampf’ der Arbeiterklasse sollte ‚eindrucksvoll’ dargestellt werden, und Schüler waren über den Erdkundeunterricht auf emotional wirksame Weise zu ‚Liebe zur Republik’ zu erziehen. Während die Außenwelt somit unstet, unsicher und konfliktreich erschien, bot die sozialistische Staatengemeinschaft scheinbare Sicherheit. Die DDR wurde über die Afrikadarstellung als Mitglied einer hilfsbereiten, uneigennützigen und auch überlegenen Gemeinschaft sozialistischer Staaten charakterisiert, deren ideologische Überzeugungen, wirtschaftliche Beziehungen und politische Kontakte zukunftorientiert und für andere Staaten richtungweisend waren.

Impressum: hier klicken
English version

erarbeitet
in Arbeit
Kontakt
Tagungen
Netzhinweise
Kurzbiografie